"Tittmoning ist das Traumland meiner Kindheit"
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Stationen

Papst Benedikt XVI mit Altbürgermeister Dietmar Cremer

Papst Benedikt XVI. und seine Verbindung nach Tittmoning
Joseph Ratzinger lebte drei Jahre und fünf Monate in der Salzachstadt

Am 19. April 2005 wurde beim Konklave in Rom der 78-jährige Kurienkardinal Joseph Ratzinger zum neuen Papst Benedikt XVI. gewählt. Der am 16. April 1927 in Marktl am Inn geborene Papst hat auch einige Jahre seiner Kindheit in Tittmoning verbracht. Sein Vater war "Gendarmerie-Kommissar". Er musste zahlreiche berufliche Ortswechsel mit der ganzen Familie hinnehmen. So kamen die Ratzingers am 11. Juli 1929 von Marktl aus in die Salzachstadt Tittmoning. Dort wohnten sie im Haus der ehemaligen Tittmoninger Handelsfamilie Wagner. 1892 übernahm die Münchner Handelsfamilie Stubenrauch das Haus, das dann "Stubenrauchhaus" genannt wurde. 1939 ging das Gebäude mit dem unübersehbaren Erker an die städtische Sparkasse über.

Joseph Ratzinger war zwei Jahre und drei Monate alt, als er mit Eltern und Geschwistern in Tittmoning eintraf.
Mit knapp drei Jahren kam Joseph Ratzinger in die städtische "Kleinkinderbewahranstalt" im Erdgeschoss des ehemaligen Augustinerklosters. Diese Einrichtung betreute von 1926 bis 1940 die stets freundliche Schwester Maria Corbiniana Kreuzburg vom Institut der Englischen Fräuleins. Auch sein um drei Jahre älterer Bruder Georg besuchte von 1930 an die ersten drei Klassen der Tittmoninger Volksschule.

Von ihm ist folgende Episode überliefert. Als Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) sich um 1930/31 in Tittmoning zur Firmung aufhielt, besuchte er auch den Kindergarten. Wegen des prachtvollen Ornates des Kirchenfürsten sagte darauf der kleine Joseph Ratzinger: "Ich werde auch einmal Kardinal". Und er hatte Recht behalten. Berufsbedingt musste der Vater am 5. Dezember 1932 seinen Wohnsitz nach Aschau bei Kraiburg am Inn verändern. Natürlich zog die Familie mit. Joseph Ratzinger war damals fünf Jahre und acht Monate alt, als er Tittmoning verließ. Vom November 1929 hat sich in zwei Tittmoninger Familien ein Gruppenfoto der "Kleinkinderbewahranstalt" erhalten. Unter den etwa 90 Kindern schaut auch der Kopf des kleinen Joseph Ratzinger aus der stattlichen Menge der Kinder.

In seiner ersten Biografie "Aus meinem Leben" aus dem Jahre 1977 beschreibt Joseph Ratzinger seine Tittmoninger Zeit: "Bedingt durch den Beruf des Vaters - er war Gendarmerie-Kommissar - , sind wir 1929 nach Tittmoning umgezogen um dort für drei Jahre zu bleiben. Diese drei Jahre sind in meiner Erinnerung eine besonders schöne traumhafte Zeit. Einmal die kleine Stadt mit ihrem wunderbaren Stadtplatz, den schönen Kirchen, der Burg und der Wallfahrt, dann die Salzach und die Wanderungen bis hinüber nach Österreich. Hinzu kamen viele freundschaftliche Beziehungen zu Familien in der Stadt. Neben dem überzeugenden religiösen Leben zu Hause hat mich damals vor allem der geheimnisvolle Glanz der Klosterkirche mit ihrer barock gestalteten Liturgie fasziniert.

"Mit seiner etwas veränderten zweiten Biografie, die 1997 in Italien und ein Jahr später in Deutschland erschien, wirft Ratzinger einen kurzen Blick zurück auf seine Kindheit in Tittmoning und auf besondere historische Ereignisse der Stadt. Er schreibt: "Tittmoning, architektonisch ganz vom Salzburgischen her geprägt, ist das Traumland meiner Kindheit geblieben." Dann erinnert Ratzinger an Bartholomäus Holzhauser (1613-1658), dem Gründer der Priesterkommunität der "Bartholomäer", der von 1640 bis 1642 in Tittmoning wirkte. Er verweist auf den Pfarrhof, der "wie ein kleines Schloss auf der Anhöhe hoch über der Stadt thronte." Dann fährt er fort: "Am meisten aber liebten wir die schöne alte barocke Klosterkirche, die einst dem Orden der Augustiner gehört hatte, nun aber liebevoll von den Englischen Fräulein betreut wurde. In den alten Klostergebäuden waren die Mädchenschule und die damals so genannte "Kleinkinderbewahranstalt", heute der Kindergarten, untergebracht."

Als ganz besonderes Erlebnis stellt er das Heilige Grab in der Karwoche dar und er weist auf die Besuche der Wallfahrtskirche Maria Ponlach hin. Schließlich informiert er auch über seine Wohnung am Stadtplatz und sagt: ?Das Pflaster der Böden war brüchig, die Stiegen hoch die Zimmer verwinkelt. Küche und Wohnzimmer waren eng ...". Ratzinger erinnerte sich an die Spaziergänge der Familie auf der anderen Seite der Salzach: "Wir gingen gern hinüber ins benachbarte Österreich. Es war ein eigenes Gefühl, mit wenigen Schritten im Ausland zu sein, in dem doch der gleiche Dialekt, wie bei uns, gesprochen wurde." Im Herbst suchten seine Mutter mit der Familie in der Salzachau Gegenstände für die weihnachtliche Krippe. Eine schöne Erinnerung war auch der Besuch bei einer älteren Tittmoninger Dame, die eine Krippe besaß, die fast das ganze Zimmer einnahm. Ratzingers Schilderung seiner Kindheit in Tittmoning ist interessant und spannend dargestellt.

Beim letzten Besuch des Kurienkardinals Ratzinger in Tittmoning am 28. August 1983 hielt er den Festgottesdienst und die Festpredigt zum 300-jährigen Jubiläum der Augustinerklosterkirche. In seiner sehr individuell gehaltenen Predigt sagte er: "Die Klosterkirche gehöre zu seinen ersten persönlichen Erfahrungen mit einem Gotteshaus. Wie alles erste verschafften ihm der aufsteigende Weihrauch, die gregorianischen Choräle und die Verwunderung, wie jemand der Säule der Kanzel entsteigen konnte, ohne gesehen zu haben wie er dahinein gekommen sei, einen langanhaltenden Eindruck. Doch hinter diesen vordergründigen und naiven Bildern haben sich tiefgründige Gedanken festgesetzt."

Es ist schon erstaunlich wie den kleinen Joseph Ratzinger vor über 75 Jahren die dicken Mauern des ehemaligen Tittmoninger Augustinerklosters und die damalige feierliche Liturgie in der Klosterkirche beeindruckt und inspiriert haben. Wer die zwei Seiten aus Ratzingers biografischen Abriss über Tittmoning liest, entdeckt eine geschickt verfasste Liebeserklärung an die ehemals salzburgische Stadt, in der er Leben, Welt und Kirche zu begreifen anfing.Wegen seiner besonderen Persönlichkeit und der direkten, ehemaligen Verbindung nach Tittmoning beschloss der Stadtrat am 7. März 2006 den neuen Papst zum Ehrenbürger zu ernennen. Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde erfolgte dann etwas später im Rahmen einer Audienz in Rom am 24. Januar 2007. Der bisher namenlose Kindergarten der Stadt, der sich noch heute im selben Gebäude befindet wie in den Jahren um 1930, erhielt am 7. November 2006 den Namen "Benedikt-Kindergarten". Diese Anstalt hatte der kleine Joseph Ratzinger etwa drei Jahre lang besucht.

Quellen: Ratzinger Joseph, Kardinal:
Der Erzbischof von München und Freising in Wort und Bild. Mit einem Beitrag "Aus meinem Leben". München 1977.
"Aus meinem Leben" Erinnerungen (1927-1977) Mailand 1997, Stuttgart 1998. Südostbayerische Rundschau 30./31. August 1983. Stadtarchiv Tittmoning, Fach 150/71.
Dieter Goerge

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Bilder

Das Bild zeigt den Tittmoninger Kindergarten (l.o.) 1930/31 mit etwa 90 Kindern. Joseph Ratzinger ist in der zweiten Reihe, etwas rechts von der Bildmitte aus abgebildet. Der untere Teil seines Gesichtes ist durch den Haarschopf eines Kindes aus der ersten Reihe leicht verdeckt.

Joseph Ratzinger im Alter von etwa vier Jahren (r.o.), Ausschnitt aus dem Kindergartenbild von 1930/31.



 
Das Augustinerklostergebäude (l.o.) in dem sich im Erdgeschoss die ehemalige Kinderbewahranstalt befand und heute der Kindergarten untergebracht ist. Dahinter der Turm der Augustiner-Klosterkirche, in der Joseph Ratzinger die ersten feierlichen Gottesdienste bewusst erlebte.

Im ehemaligen Handelshaus (r. o.) der Familie Wagner, von 1891 Stubenrauchhaus genannt und ab 1939 das Sparkassengebäude, wohnte von 1929 bis 1932 die Familie Ratzinger. Im Vordergrund Tittmonings Altbürgermeister Dietmar Cremer